Fluch des Purpurthrons

Ein Tag wie jeder andere

Solange die Nacht in Korvosa gendauert hatte, so kurz war sie auch. Kaum einer ihrer Bewohner hatte nachts viel Schlaf bekommen. Auch für Imke, die nur wenige Stunden zu Hause verbracht hatte. Diese Stunden hatte sie damit verbracht im Kinderzimmer ihrer Tochter zu weinen und nur hin und wieder im Bett ihrer Tochter kurz einzudösen. Draußen dämmerte der Morgen, als es an der Tür klopfte. Erstaunt über den frühen Besuch, rieb sich Imke die Tränen aus den Augen, richtete ihre Kleider, die sie nicht ausgezogen hatte und öffnete die Tür. Davor stand Grau Soldado, der junge Feldwebel, den sie vor wenigen Stunden völlig betrunken und desillusioniert aus dem Straßengraben gezogen und dann im Tempel der Sehyln abgegeben hatte. Mittlerweile war der Feldwebel wieder rasiert und schien zumindest soweit nüchtern, dass er wieder aufrecht stehen konnte. Nur seine Uniform hing immer noch in Fetzen und war völlig verdreckt.

„Entschuldigt, dass ich Euch zu so früher Stunde störe“, begann er zaghaft. „Aber ich wollte mich noch einmal bei Euch bedanken. Für das, was ihr in der letzten Nacht für mich getan habt. Es war einfach etwas zu viel für mich. Meine persönlichen Probleme, meine Vergangenheit und dann auch noch der Tod des Königs…“

Imke nickte, auch wenn sie von den persönlichen Problemen Graus keine Ahnung hatte. „Das war doch selbstverständlich. Was werdet Ihr jetzt tun?“ – „Ich werde mich nach meiner unerlaubten Abwesenheit wieder bei der Wache melden und hoffe, dass man mir dort meine kurze Desertation nicht zu schlimm auslegt. Wenn ich auch noch meinen Posten in der Wache verliere, weiß ich auch nicht mehr, wie es in meinem Leben weiter gehen soll.“

Imke klopfte ihm noch einmal aufmunternd auf die Schulter und baute ihn mit den Worten „Die Götter werden euch zu dem Ziel führen, welches ihr sucht“ noch einmal auf, ehe er sich auf den Weg zur Zitadelle Volshyenek machte.


In Alt-Korvosa stieg Jal die Treppe von ihrem Zimmer in der Anhänglichen Meerjungfrau in den Gemeinschaftsraum hinab. Er hatte zwar nur kurz geschlafen, dafür aber sehr gut – trotz all dem, was in der letzten Nacht geschehen war. Aber anscheinend brauchte er kein Schüttelfrost mehr um gut zu schlafen und angenehme Träume zu haben. Doch die Person, welche ihn im Schankraum erwartete, schien aus seinen Träumen zu kommen.

„Iymkala, was bei den Göttern machst du denn hier?“, fuhr er seine Schwester an und sah dabei gekonnt über deren tränen gerötete Augen und das verzweifelte Gesicht hinweg.
„Jal, ich brauche deine Hilfe!“ – „Du? Meine Hilfe? Wie kommst du darauf, dass ich dir helfen werde?“

Iymkala schluchzte und zog etwas Rotz die Nase hoch: „Der Gasthof in dem ich Arbeite, der Gasthof zum Überrest, es sind Männer dort eingefallen und sie nehmen den gesamten Laden auseinander. Alles was ich geholfen habe mit aufzubauen. Du hast doch diese magischen Kräfte? Du musst doch damit die Möglichkeit haben einige Schläger zu vertreiben.“

Jal machte ein abschätzendes Geräusch: „Ach jetzt wären meine Kräfte plötzlich gut genug? Jeder in meiner Familie war gegen meine Kräfte, aber jetzt wo sie nützlich wären, sind sie plötzlich ok?“

Jals Schwester fing wieder an zu weinen, wodruch Jal schließlich doch noch einlenkte. „Na gut, komm mit. Ich habe noch ein Treffen mit einigen… Bekannten. Vielleicht können sie dir ja helfen.“


Als sie alle zusammen das Haus von Zellara erreichten und betraten, mussten sie feststellen, dass es keineswegs leer war. Vier erwachsene Menschen – zwei Männer und zwei Frauen – in blauen Straßenanzügen, sowie ein Shoanti-Kind warteten bereits auf sie. Karja flüsterte den anderen schnell zu, dass es sich bei den Herrschaften in Blau nur um Mitglieder der Cerulean Gesellschaft handeln könnte – der lokalen Diebesgilde. Sie haben die Zerschlagung von Lamms Lämmern mit gemischten Gefühlen betrachtet. Zum einen sahen sie es als Schande an, dass man Kinder dazu zwingt auf der Straße zu betteln und zu stehlen – weshalb sie die meisten von Lamms Lämmchen, die sie finden konnten, in den lokalen Waisenhäusern untergebracht haben. Zum anderen war ihnen Gaedren Lamm und auch sein Vater schon lange ein Dorn im Auge. Auf der anderen Seite hat er aber immer ordentlich seine Schutzgelder dafür bezahlt neben der Diebesgilde in der Stadt arbeiten zu dürfen. Der Verlust des Geldes ist für die ökonomisch denkende Gesellschaft daher auch nicht zu verachten. Doch bleibt der Sturm auf die alte Fischerei für die Gesellschaft vorerst einmal ein Nullsummenspiel. Dennoch warnen die vier ganz eindrücklich davor, sich in Zukunft weiter so unbedacht in die Pläne der Gesellschaft einzumischen. Außerdem überlassen sie den kleinen Shoanti Jungen, der den Namen Lerrim trägt, in der Obhut der Gruppe. Der Junge würde sich in den Waisenhäuern der Stadt nicht wirklich wohl fühlen und vielleicht könnte sich ja Tyden um ihn kümmern. Eine Verantwortung, die der Shoanti Barbar auch gleich übernahm: „Wir werden schon ein Plätzchen für dich finden. Es gibt außerhalb der Stadt, im Diebeslager, weitere Shoanti. Vielleicht kann dich ja dort jemand aufnehmen.“

Zufrieden damit alles gesagt zu haben, verließen die vier Mitglieder der Diebesgilde Zellaras Haus. Jetzt hatte Jal auch die Möglichkeit ihre Schwester und deren Problem vorzustellen. Da sich der Gasthof zum Überrest, indem Jals Schwester arbeitete, auf dem Weg zum Diebeslager befand, beschloss man diesem einfach einen kurzen Besuch abzustatten und nach dem Rechten zu sehen. Danach konnten sie den Jungen abgeben und die Brosche der Königin zurückbringen. Imke war mit dem Plan nicht ganz einverstanden, da sie all diese Aktionen nicht näher an ihre verschwundene Tochter heranführen würde, aber sie fügte sich der Gruppe.

An Zitadelle Volshyenek vorbei und über die Hochbrücke gelangten sie nach Ostküste. Hier schienen die Randale besonders stark gewesen zu sein. Zahlreiche Häuser waren ausgebrannt und immer noch zog der Mob plündernd durch die Straßen. Unter anderem kamen sie an einer Bäckerei vorbei, die von hungrigen und gierigen Bürgern gerade geräumt wurde. Der Besitzer, ein älterer Mann, stand tränenüberströmt hilflos daneben. Während Tyden einem der Plünderer mehrere Brote abnahm und sie an Lerrim weiter reichte, versuchte Imke den Bäcker etwas zu trösten, indem sie ihm eine Goldmünze zusteckte. Zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber besser als Nichts.

Der Gasthof zum Überrest – ihr eigentliches nächstes Ziel – befand sich unweit der östlichen Docks. Bereits von weitem konnte man sehen, dass auch hier der Mob zugeschlagen hatte. Ausnahmslos alle Fenster waren eingeschlagen, die Tür aus dem Rahmen gerissen und in der Nacht schien man irgendetwas auf der Straße vor der Taverne verbrannt zu haben. Aus dem Inneren war lautes Gelächter und das Zerbrechen von Einrichtungsgegenständen zu hören. Nacheinander betraten die vier Helden das Lokal, gefolgt von Iymkala und Lerrim, die sich im Hintergrund hielten. Der Schankraum war bis auf die Bar und einige wenige Tische und Stühle vollkommen zerstört worden. Portenus Gaskellini, den einarmigen Wirten, hatte man mit seiner verblieben Hand an einen Kronleuchter an der Decke gebunden, wodurch er gezwungen war hoch aufgerichtet und den Arm nach oben haltend zu stehen – wahrscheinlich stand er schon seit Stunden so, wenn ich gar schon seit letzter Nacht. Tyden ging auf den armen Kerl zu und schnitt ihn los. Sofort warf daraufhin einer der Besatzer der Taverne einen Bierkrug nach ihm: „He, was soll das! Das ist unser Spielzeug! Sucht euch eure eigene Kneipe!“

„Das ist jetzt aber unser Lokal“, knurrte Tyden und baute sich vor den Männern auf, die die Stellung hinter der Schank hielten. Andere Anwesenden schienen bereits zu ahnen, dass die Situation hier am eskalieren war und ergriffen da weite. Noch mehr, als Tyden nicht nur seine Muskeln spielen ließ, sondern auch seine riesige Axt zog. Schneller als der Anführer der Besetzer schauen konnte, stand er alleine vor den vier Helden. Doch er schien nicht aufgeben zu wollen. Ganz im Gegenteil: Möglichst unauffällig griff er unter die Schenke zu seiner Waffe. Aber nicht unauffällig genug für den Shoanti. Er sah die Bewegung, stürzte vor, schwang seine Axt, drehte sie beim zuschlagen noch auf die Breitseite und verpasste dem Aufrührer einen heftigen Schlag gegen den Kopf. Tonlos ging der Mann zu Boden.
Nachdem sich sowohl der Wirt und Iymkala bei der Gruppe bedankt hatten, verließen sie den Gasthof zum Überrest um ihr zweites Anhängsel, den Shoanti Jungen los zu werden.

Dazu suchten sie das Diebeslager vor den Toren der Stadt auf. Interessanterweise war gerade diese wüste Ansammlung an Barracken und Zelten von den Unruhen der vergangenen Nacht verschont geblieben. Wieder war es Tyden, der hier die Rolle des Anführers der Gruppe übernahm, indem er einen der hiesigen Shoanti ansprach und sich nach Mitgliedern des Schädelklans erkundigte. Angeblich gab es solche hier jedoch nicht. Aber, so hatte der Mann gehört, es gäbe gerade eine Abordnung von Shoanti des Schädelklans, die bei der Kirche von Pharasma zu Gast wären. Seufzend ließen sie als das Diebeslager hinter sich um den Graudistrikt aufzusuchen, indessen Mitte sich die Kathedrale der Totengöttin befand.

Umgeben von einer hohen Mauer die eindeutig mehr dazu bestimmt war Dinge davon abzuhalten den Distrikt zu verlassen als Personen daran zu hindern den Distrikt zu betreten, befand sich der Distrikt Grau im Süden der Stadt. Hier gab es mit Ausnahme von hunderten Gräbern und Dutzenden Krypten unterschiedlicher Größte eigentlich nur ein Gebäude: Die Kathedrale von Pharasma. Gebaut wie eine Festung, aus schwarzem Basalt und mit kaum vorhandenen Fenstern, wirkte die Kathedrale weniger wie ein Tempel denn wie eine uneinnehmbare Festung. Im Inneren des dunklen Gebäudes wurden sie von mehreren Klerikern empfangen, die, nachdem Tyden klar gemacht hatte, dass sie die Delegation der Shoanti suchten, auch schnell hilfreich waren. Die Gruppe wurde zur Bischöfin d’Bear persönlich geführt, die sich gerade mit einem Shoanti Schamanen namens Tausend Knochen im Gespräch befand. An ihn übergab Tyden auch das Kind, wobei er dem alten Schamanen noch extra einschärfte, dass er gut auf den Jungen aufpassen sollte.

Damit wollte sich die Gruppe schon verabschieden, doch Imke verwickelte die Bischöfin noch in ein Gespräch über eine potentielle Untotenplage, von der sie gehört hat. Schlimmer noch: es gab Gerüchte, die Kirche von Pharasma in Korvosa würde eine Armee von Untoten züchten. Doch die Bischöfin winkte ab. So etwas würde es hier nicht geben und würde auch völlig den Prinzipien der Kirche widersprechen. Imke ließ sich davon nur mäßig beruhigen. Aus Gründen, die sie der Gruppe nicht erklären konnte, hielt sie sehr viel auf dieses Gerücht und wollte ihm unbedingt auf die Spur kommen.

Von der Kathedrale Pharasmas aus marschierte die Gruppe über den Boulevard des Säulenhügls und den Rampen Boulevard auf Burg Korvosa zu. Der Sitz des Königshauses und des Seneschalls erhob sich mit seinen zahllosen Türmen – wovon der höchste der markante Uhrturm war – und den dunklen Mauern hoch über den Rest der Stadt. Der Grund dafür war das Fundament, auf dem die Burg gebaut war: Eine uralte Stufenpyramide, die sich schon hier befunden hatten, als die ersten Erforscher aus Cheliax hierhergekommen war. Die schon hier gewesen waren, solange sich die Stämme der Shoanti – die früher hier wohnten – erinnern konnten. Am Fuße der Rampe, die zur Burg nach oben führte, waren Barrikaden aus Sandsäcken, Wägen und Trümmern errichtet worden. Hinter den Barrikaden hatten sich 20 Männer und Frauen verschanzt – je 10 Angehörige der Korvosa Wache und 10 Mitglieder der Schwarzen Kompanie.

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„Halt! Was wollt ihr?“, rief einer der Männer, kaum, dass die Gruppe in Sichtweite kam.
„Heil Königin Ileosa!“, rief Karja unüblich Wortgewandt. „Wir haben etwas gefunden, was der Königin gehört und würden es ihr gerne zurück geben!“ – „Kommt langsam näher.“
Unter dem wachsamen Blick von 20 Personen und ebenso vielen Armbrüsten kam die Gruppe näher und Karja präsentierte aus sicherer Entfernung die Brosche der Königin, die sie bei Gaedren Lamm in der Alten Fischerei gefunden hatten.

„Gut, kommt mit“, brummte die Wache. Erstaunt darüber so leicht vorgelassen zu werden, überkletterte die Gruppe die Barrikade und folgte dem Wachposten die Rampe hinauf in die Burg.

Ihnen wurde befohlen in einem Vorraum zu warten. Von hier aus hatten sie bereits einen Blick in den Thronsaal. Ein seltsam leerer Raum, bar jeder Einrichtung. Nur ein schmaler Roter Teppich führte von ihrer Tür in die Richtung des Purpurthrons – auch wenn sie den Thron selbst von ihrer Position aus nicht sehen konnten. Sehr wohl konnten sie jedoch vier schwer gerüstete, in schwarze Panzer gehüllte Gestalten sehen, die vor dem Thron standen: Höllenritter vom Orden der Nägel. Imke stellte sich unauffällig näher an den Torbogen, der zum Thronraum führte und spitzte die Ohren.
„… Und deswegen möchte ich, dass der Mob mit allen dem Orden zur Verfügung stehenden Mitteln zerschlagen wird. Ich werde nicht zulassen, dass der Pöbel die Stadt in Stücke reißt!“
„Wie ihr befehlt, Königin Illeosa!“, kam es aus mehreren Kehlen mit einem metallischen Klang zurück. Nach diesen wenigen Worten marschierten die Höllenritter aus dem Saal, an der Gruppe vorbei, ohne den vier Gestalten auch nur einen Blick zu würdigen.
Nun erst wurden sie zur Königin vorgelassen. Die hübsche junge Frau mit den roten Haaren und der alabasterfarbenen Haut war vollkommen in Schwarz gekleidet und ihr Gesicht war mit einem schwarzen Schleier verdeckt. Doch selbst durch diesen konnte man die roten Augen und die vom schnäuzen rote Nase erkennen – eindeutige Zeichen von Trauer. Etwas verloren saß sie auf dem gewaltigen Purpurthron, zu ihrer Seite eine ebenso schöne, groß gewachsene schlanke Frau, ein riesiges Krummschwert an der Seite.
Karja verneigte sich vor der Königin und ihrer Leibwache, die – wie Karja sehr gut wusste – den Namen Sabina Merrin trug.
„Meine Wachen erzählten mir, Ihr hättet etwas gefunden, dass mir gehört?“
„Ja meine Königin“, ergriff Karja das Wort. „Eine Brosche die Euch gehörte. Wir haben sie in den Händen einiger Mitglieder der Cerulean Gesellschaft gefunden, welche versucht haben uns auszurauben“, log Karja, ohne mit der Wimper zu zucken. Sabina Merrin trat vor, nahm die Brosche und übergab sie der Königin, welche das Schmuckstück gedankenverloren in den Händen hielt.

„Diese Brosche wurde mir vor lange Zeit gestohlen und um ehrlich zu sein habe ich nicht erwartet sie je wieder zu sehen. Und nun, in dieser dunkelsten Stunde, steht ihr vor mir und bringt sie mir zurück. Die Rückgabe dieser Brosche ist für mich mehr als nur eine noble Geste. Es ist eine Inspiration. Es ist Hoffnung! Ich liebe Korvosa, ebenso wie mein Mann vor mir.“

Eine Aussage, bei der sich jeder der im Saal anwesenden sicher war, dass es eine Lüge war, nach all den Aussagen, die sie in den letzten vier Jahren getätigt hatte.

„Sein Tot hat mich ebenso geschockt wie alle anderen Bürger der Stadt, aber ich werde nicht zulassen, dass sein Erbe durch den Mob in den Dreck gezogen und die Stadt zerstört wird. Doch die Zahl der Wachen in der Stadt ist gering. Vielleicht könnt ihr Korvosa daher einen weiteren Dienst tun und in den Dient der Wache eintreten. Feldmarschall Cressida Kroft kann jede fähige Hand gebrauchen. Und jetzt entschuldigt mich, die Trauer um meinen Mann hat mich erschöpft. Ich werde mich zurückziehen.“
Mit diesen Worten erhob sich Ileosa vom Thron und eilte von dannen. Eine Wache überreichte der Gruppe dafür eine silberne Schatulle, darin 12 Goldbarren mit dem Emblem Korvosas. Eine beachtliche Belohnung.

„Ich muss ohnehin in die Zitadelle, begleitet ihr mich?“, erkundigte sich Sabina. Ein Angebot, welches die Gruppe gerne annahm. So marschierten sie zu viert den breiten Boulevard entlang, der von der Burg in Richtung der Zitadelle führte. Dabei versuchte die Gruppe mehr oder weniger unauffällig nach dem Tod des Königs und dem Verbleib des Seneschalls auszufragen. Doch alle Aussagen blieben sehr vage, außer dass Sabina vehement das Gerücht bestritt, dass der König im Liebesakt mit der Königin gestorben war. Als sie das erzählte, erinnerte sich Karja auch an das sich hartnäckig haltende Gerücht, dass die Königin eine Liebesbeziehung zu ihrer Leibwächterin unterhielt.

In der Zitadelle wurden sie von Sabina in einen Besprechungsraum geführt, in dem sie Feldmarschall Cressinda Kroft kennenlernten, die Kommandantin der Stadtwache von Korvosa. Da sie direkt von der Königin gesandt worden waren, genoss die Gruppe einige wenige Vorschussloorberen, aber echtes Vertrauen würden sie sich erst verdienen müssen. Von Kroft erhielten sie daher erst einmal einen Auftrag, den die Wache auf keinen Fall erledigen konnte – schon gar nicht in dieser Zeit, in der die Wache hoffnungslos unterbesetzt war; anscheinend erschienen viele Wachen nicht zum Dienst da sie zu Haus ihre Familien verteidigen wollten. Kroft erwähnte jedoch auch gleich, dass sie gegen Desserteure dieser Art nicht vorgehen würde, da sie volles Verständniss für dieses Verhalten hatte. Was jedoch ein Problem war, war der Botschafter von Cheliax. Der Mann war ungeheuer Machtbesessen und würde es gerne sehen, wenn er der nächste Herrscher von Korvosa würde. Daher benutzte er die aktuellen Unruhen um ungeheure Mengen an Land und Immobilien in der Stadt aufzukaufen, wodurch seine Macht Stunde um Stunde weiter anstieg. Zum Glück jedoch, kannte Kroft den Schwachpunkt des Mannes. Er hatte, obwohl er verheiratet war und auch Kinder in der Botschaft hatte, eine Geliebte in Cheliax, der er immer wieder äußerst erotische Liebesbriefe schrieb. Einige dieser Briefe hatten es auf unbekanntem Wege in die Hände von Devargo Barvasi, dem Besitzer der Lokalität Aalende geschafft. Kroft wollte, dass die Gruppe, mit Hilfe von maximal Eintausend Goldmünzen, Devargo dazu brachte die Briefe herauszurücken. Dann wären Kroft und die Königin in der Lage dem Treiben des Botschafters Einhalt zu gebieten.

Noch bevor die Gruppe zusagen konnte, mischte sich Sabina in das Gespräch ein:
„Bevor das Gespräch hier noch ewig weiter geht. Ich bin nicht nur mit hierhergekommen um diese vier Personen abzuliefern, sondern auch um einen persönlichen Auftrag der Königin zu erfüllen. Die Königin möchte eine Liste aller hübschen, weiblichen Mitglieder der Stadtwache. Und zwar so schnell als möglich.“

Dieser Befehl schien nicht nur die Gruppe, sondern auch noch Kroft zu verwirren; vor allem aber schien der Befehl dem Feldmarschall sauer aufzustoßen. Bevor es aber zu einem Streit zwischen den beiden Frauen kommen konnte, beeilte sich die Gruppe den Befehl anzunehmen und verabschiedete sich.

Ohne Zwischenfälle durchquerte die Gruppe Nordspitze, machte kurz am Tempel der Shelyn halt um einen Heilstab zu kaufen und am Tempel von Abadar um das Gold der Königin zu deponieren. Über eine der zahllosen Holzbrücken gelangten die vier dann nach Alt-Korvosa. Hier sollte ihre Glückssträhne jedoch ein jähes Ende finden. Nur wenige Meter vor ihnen brach plötzlich der Boden auf und eine riesige, dreibeinige Kreatur, die praktisch nur aus einem gewaltigen Maul zu bestehen schien, schob sich aus der Kanalisation auf die Straße.

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„Ein Otyugh!“, rief Jal halb überrascht, halb erstaunt. „Ich dachte die wären nur eine Legende!“
Tyden ließ sich nicht auf die Diskussion ein, ob es eine Legende war oder nicht. Er zückte seine Axt, stürmte auf die Kreatur los und begann ihren Schädel mit seiner Axt zu malträtieren. Die anderen folgten deutlich zögernder. Dadurch konnte sich der Otyugh seinerseits voll auf den Shoanti Barbaren konzentrieren. Binnen Sekunden rissen die Tentakel den riesigen Mann von den Beinen. Nun hatte aber zumindest Jal freies Schussfeld und belegte den Otyugh mit einem Zauber aus sprühenden Farben. Das erkaufte ihnen etwas Zeit. Imke verwendete Heilmagie um Tyden wieder auf die Beine zu bringen und der brachte die Kreatur dann auch gleich zu Fall. Schlitternd kehrte sie tot in das Loch zurück, aus dem sie gekrochen gekommen war.

Nachdem Tydens Wunden verbunden waren, ging es dann endlich nach Aalende. Das Jal aus seiner Zeit als Drogenabhängiger noch sehr gut bekanntem Etablissement befand sich am Ende eines langen Steges, der in den Jeggare Fluss hinein ragte. Am Ende des Steges gruppierten sich dicht an dicht di fünf Schiffe, welche Aalende ausmachten. Etwas unschlüssig stand die Gruppe auf dem Steg und rief sich in Erinnerung was sie über Devargo Barvasi wussten: Schmuggler, Drogenbaron, Frauenliebhaber und begnadeter Messerchen Spieler. Schnell wurde beschlossen ihn bei dieser letzten Leidenschaft zu packen. Die Gruppe stieg in den Rumpf der Zwillingstiger hinab, welche als billiges Spielkasino hergerichtet worden war. Während Jal und Karja bei diversen Glücks- und Kartenspielen Geld unter die Leute warfen erzählten sie jedem der es hören wollte (oder nicht hören wollte), von dem neuen Messerchen Champion, der nach einem würdigen Gegner suchte.

In der Tat dauerte es so nicht lange bis eine kleine Gruppe von Schlägern auftauchte und Karja aus ihrem Spiel riss: „Ihr habt von einem neuen Champion im Messerchen-Spiel gesprochen? Wo ist er?“ Karja deutete mäßig beeindruckt von den Muskelbergen der Schläger auf Tyden: „Der da.“

Die Schläger blickten den Shoanti kurz abschätzig an und nickten dann: „Mitkommen!“
Die Gruppe wurde in das größte Schiff geführt, die namensgebende Aalende. Hier ging es etwas ruhiger zu, als auf den anderen Schiffen, und auch die Kundschaft schien etwas gehobener zu sein. Die vier wurden in das Heck des Schiffes gebracht, wo sie Devargo Barvasi erwartete. Er saß auf einem thronähnlichen Stuhl, der aussah, als wäre er mit Spinnweben überzogen. Sowohl über den Thron als auch über Barvasi selbst liefen zahllose handtellergroße Spinnen. Sogar die Lederrüstung, die Barvasi trug, war so gefertigt, dass sie wie ein Spinnennetz aussah. So gab es auch keinen Zweifel um die Identität der Person: Sie standen eindeutig vor dem König der Spinnen.

„Ihr habt also einen neuen Champion mitgebracht?“, fragte er von oben herab, woraufhin Karja heftig nickte und auf Tyden deutete: „In der Tat! Tyden hier ist der beste Messerchen-Spieler östlich und westlich des Jeggare Flusses. Es gibt keinen besseren als ihn in ganz Varisia!“

Barvasi lachte trocken auf: „Das werden wir ja noch sehen. Ich möchte gegen ihn kämpfen. Was wollt ihr setzen?“

Karja wollte etwas von Kupfermünzen erzählen, sah dann aber die Gold und Platinmünzen auf den Spieltischen, die im Raum verteilt waren und beschloss schnell ihre Strategie zu ändern: „Warum immer nur um schnödes Gold spielen, wenn es doch so viel spannenderes gibt.“ – „Was wollt ihr stattdessen setzen?“ – „Wie wäre es mit Briefen? Ich habe gehört, dass Ihr einige sehr anregende Liebesbriefe von Botschafter Darvayne Gios Amprei besitzt. Vielleicht würdet Ihr euch von ihnen trennen?“

Barvasi lachte abermals, diesmal wirklich amüsiert. „Ahja, die Briefe. Wisst ihr, ich habe die Briefe schon seit einer geraumen Weile in meinem Besitz. Und in unregelmäßigen Abständen verkaufe ich dem Botschafter einen der Briefe zurück. Ich liebe es, wenn er sich verkleidet, um nach Aalende zu kommen und dann vor mir zu Kreuze kriecht, nur um einen der Briefe wieder zu bekommen. Und das Geld, welches er dafür bezahlt ist auch nicht zu verachten.“ – „Wir würden 1.000 Goldmünzen dagegen setzen!“, fiel ihm Karja rasch ins Wort. Barvasi dachte kurz darüber nach und nickte dann: „Einverstanden. Lasst uns spielen.“

Sofort traten einige seiner Schläger heran und reichten sowohl ihm als auch Tyden ein Seil, mit dem ihre rechten Hände hinter den Rücken gebunden wurden, sowie die Tasche, in der das Gold gesteckt werden sollte.

Die Gruppe scharrte sich um Tyden und Karja flüsterte dem Shoanti ins Ohr: „Wehe du versaust das jetzt!“ – „Wie, kämpft Tyden jetzt gegen Barvasi persönlich?“, flüsterte Imke. Damit hatte irgendwie auch keiner gerechnet. Aber nun war es zu spät und beide Kontrahenten betraten den langen Tisch, auf dem gut und gerne 80 Goldmünzen lagen. Ein fein gearbeiteter Dolch steckte in der Mitte zwischen den beiden. Schnell wurde der Kampf eingezählt und das Spiel konnte beginnen: Barvasi zeigte, dass mit ihm nicht zu spaßen war, indem er sich als erstes das Messer schnappte. Tyden seinerseits versuchte den Drogenbaron in den Schwitzkasten zu bekommen, doch der wich dem Shoanti mühelos aus und tauchte dafür nach einigen Goldmünzen. Den darauf folgenden Schlag von Tyden sah er jedoch nicht kommen und spuckte daraufhin einen Zahn aus und setzte seinerseits nun das Messer ein. So wogte der Kampf hin und her, ging aber immer weiter zu Gunsten von Barvasi. Tyden bekam den schnellen Schurken einfach nicht zu fassen, währen dieser dem Shoanti eine Wunde nach der anderen zufügte, bis er schließlich bewusstlos auf den Tisch krachte.

„Ein beeindruckender Kampf“, zeigte sich Barvasi zufrieden und spuckte einen Zahn aus. „Ich werde euch die Briefe trotzdem verkaufen. Es sind ohnehin nicht mehr viele übrig.“ Während er die Briefe aus seinem Quartier holte belebte Imke den angeschlagenen Tyden wieder und nach der Übergabe von 1000 Goldmünzen gegen drei Blatt Papier kehrte die Gruppe zur Zitadelle zurück.

Im Innenhof von Zitadelle Volshyenek traf Imke auf den ihr bereits bekannten Soldado Grau – diesmal eindeutig Nüchtern und er trug auch wieder eine frische Uniform. So hatte man ihn offensichtlich nicht aus den Rängen der Wache entlassen. Imke stellte Grau ihren Weggefährten vor, der sich nochmals bei ihr bedankte.

„Warum seid ihr eigentlich so abgestürzt?“, frage Karja nach, obwohl Grau das Thema sichtlich unangenehm war. „Ich habe in kürzester Zeit meinen besten Freund und meine von mir angebetete Frau verloren. Und als dann gestern der König starb, schien mein Leben jeden Sinn verloren zu haben…“

Tyden nickte wissend und hielt ihm eine Flasche Wein hin, die er aus dem Gasthof zum Überrest mitgehen hatte lassen. Imke drückte die Flasche bestimmt wieder weg. „Lass das.“
„Aber wir würden schon gerne einige Details wissen“, wandte Tyden ein und so begann Grau zu erzählen: „Ich war Schüler in der Orisini Schwertakademie und wurde von deren Leiter, dem legendären Vencarlo Orisini selbst unterrichtet. Neben mir gab es noch eine weitere Schülerin: Sabina Merrin.“ Ein allgemeines „Ah“ erklang, als die Gruppe diesen Namen hörte. „Ich verliebte mich sofort in sie, doch leider erwiderte sie meine Liebe nicht. Um die Sache noch komplizierter zu machen, war ich nicht der einzige, der ein Auge auf sie geworfen hatte: Auch Vencarlo schien Gefallen an ihr gefunden zu haben. Also tat ich das einzig richtige in meinen damals von vor Eifersucht verklärten Augen. Ich spielte die beiden gegeneinander aus, so dass es am Ende sogar zu einem Duell kam, bei dem Vencarlo zwei seiner Finger verlor und nachdem Sabina die Akademie verließ um in den Dienst der Königin zu treten. Ich habe dann kurz darauf die Akademie ebenfalls erlassen. Ich konnte Vencarlo nicht mehr unter die Augen treten; weshalb ich dann in der Stadtwache angefangen habe zu arbeiten.“

„Was für ein durchtriebener Haufen“, murmelte Tyden. „Hier treibt es ja jeder mit jedem. Ich bin sicher, der Botschafter steckt da auch noch irgendwie mit drinnen.“

Nachdem Karja dem armen Grau versprochen hatte bei Sabina, die sie ja persönlich kenne, ein gutes Wort für ihn einzulegen, betraten sie, ohne sich vorher anzukündigen, den Besprechungsraum von Feldmarschall Kroft. An ihrer Seite fanden sie einen gutaussehenden Mann mit langen blonden Haaren vor. „Cressinda, die Schwarze Kompanie ist ohne den Seneschall ohne offizielle politische Führung! Und auch die Königin bewegt sich außerhalb des Gesetzes! Sie ist noch nicht gekrönt worden! Wir müssen hier dringend etwas unternehmen.“ Der Mann bei dem es sich nur um Marcus Endrin, den Kommandanten der Schwarzen Kompanie handeln konnte, unterbrach sich, als er merkte, dass er und der Feldmarschall nicht mehr alleine waren.

Karja trat vor und warf die erbeuteten Briefe auf den Besprechungstisch, was Kroft dazu brachte erstaunt eine Augenbraue zu heben. Sie hätte nicht damit gerechnet, dass die vier den Auftrag so schnell zu Ende bringen würden. Aber sie war sichtlich beeindruckt von der Geschwindigkeit und der Effizienz der Gruppe und würde sie auch gerne für weitere Aufträge einsetzen, für die sie keine Soldaten der Stadtwache einsetzen konnte. Auch Marcus Endrin bat die Gruppe gleich um einen Gefallen: Sie sollten auf ihren Streifzügen durch die Stadt die Augen nach dem verschollenen Seneschall offen halten. Sollten sie Hinweise auf seinen Verbleib finden, sollten sie damit sofort zu ihm kommen. Es würden sich dann sicherlich auch einige Goldmünzen aus der Schatzkammer der Schwarzen Kompanie als Belohnung finden lassen.

Nach einem dermaßen erfolgreichen und langen Tag verließen die vier die Zitadelle Volshyenek in der Abenddämmerung wieder und die Gruppe teilte sich auf. Imke kehrte in ihr verlassenes Stadthaus zurück, Jal und Karja bezogen Quartier in Zellaras verlassenem Haus – wofür sie auch die Zustimmung von Zellara selbst erhielten. Tyden zuletzt suchte die Taverne zum Verbeulten Helm auf, welche sich gegenüber Zellaras Haus befand um dem zwergischen Wirt die neuesten Neuigkeiten zu erzählen, welche er aufgeschnappt (und selbst in Umlauf gebracht) hatte.

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Anarchie in Korvosa

Karja erwartete die Morgendämmerung alten Gewohnheiten folgend auf einer Dachfrist sitzend. Es war ein prächtiger Sonnenaufgang, geradezu bildhübsch, fast als ob die Götter den Zustand der Stadt spöttisch kommentieren wollten. Korvosa glich einem wimmelnden Ameisenhaufen, in den ein unartiges Kind herumgehüpft war. In der Nacht waren zahlreiche Brände gelegt worden, zum Teil bestimmt unbeabsichtigt, aber vielfach vermutlich aus Böswilligkeit oder reiner Lust an der Anarchie. An einigen Stellen sah man verkohltes Gerümpel auf den Straßen, Überreste von Barrikaden, die von Aufständischen entflammt wurden, um die Wache an einer Erstürmung zu hindern. Im Grunde hatte die Stadt ein riesen Glück, dass sie nicht komplett abgefackelt wurde. Karja ließ den Blick über die eng stehenden Holzhäuser gleiten. Gerade hier in Alt-Korvosa wäre wohl nicht viel übrig geblieben. Obwohl an vielen Stellen noch immer Rauchsäulen aufstiegen und am Himmel die Patrouillen der Schwarzen Kompanie kreisten hatte es den Anschein, als ob die Lage sich vorerst beruhigt hätte. Zumindest bis zum Sonnenuntergang. Von der erhöhten Position aus fühlte sich Karja fast wie ein Gott des Chaos, der ein wenig bestürzt, aber im Großen und Ganzen belustigt, auf die Angelegenheiten der Sterblichen herabblickte. Dort unten gingen sich gerade Menschen gegenseitig an die Kehle, die vor wenigen Tagen noch jedem ihre friedliche Gesinnung garantiert hätten und sich bestimmt allesamt für brave Bürger hielten. Arme Kreaturen, die ihr Los zwar für schlecht hielten, aber normalerweise nie daran gedachte hätten, aufzubegehren, und Reiche, die sich wunderten, wie sie diesen Sturm nicht haben kommen sehen. Tatsächlich dürfte ein guter Teil des Chaos nichts mit einer besonderen Präferenz für den einen oder anderen Herrscher, sondern eher mit dem kurzfristigen Machtvakuum und mit sehr alten offenen Rechnungen zu tun haben. Wie viel aufrichtige Getreuen des alten Königs in dieser Nacht wohl den Tod gefunden hatten, gemeuchelt von denjenigen, die die Chance nutzen wollten, sich möglichst weit oben in der Gunst der neuen Herrscherin zu platzieren? Wie viele sich wohl in dieser Nacht einfach holten, was sie ihr ganzes Leben entbehren mussten, vermutlich von jemanden der zwar mehr hatte, aber tragischer Weise eben auch keine direkte Schuld am Elend des anderen? Etwas in Karja bejahte diesen Ausnahmezustand als einen großen Gleichmacher, der zwar ebenso ungerecht ist, wie die vergangene Ordnung war, aber auch nicht ungerechter als die heraufziehende neue sein wird. Eines hatte das Chaos der Ordnung aber voraus, es mischte die Karten neu. Danach würden viele mit einer deutlich besseren Hand in die Zukunft starten. Wieviel schlimmer konnte die neue Königin schon sein als der Greis, der bisher auf dem Thron saß?
Auch Karjas Kartenhand hatte sich bereits im wahrsten Sinne des Wortes dramatisch verbessert, in Form eines magischen Turmkartendecks, das ihr und drei weiteren Glücksrittern vom Schicksal in die Hände gespielt wurde.
Gemeinsam hatten auch sie in der vergangenen Nacht von dem Chaos zwischen zwei Ordnungen profitiert, ebenfalls um eine sehr alte offene Rechnung zu begleichen. Der Überfall auf die alte Fischerei wird wohl dem wütenden Mob zugeschrieben werden und niemand wird je erfahren wer Gaedren Lamm und seine Schergen wirklich auf dem Gewissen hat. Es passt zu der um sich greifenden Willkür, dass er eigentlich ebenfalls nur ein Opfer unglücklicher Umstände war, denn eigentlich wollten sie gar nichts von ihm. Zumindest Karja war Gaedren herzlich egal. Sie war ganz sicher nicht wieder nach Korvosa gekommen, um jeden Tagedieb einzelne auszuräuchern. Sie wollte nur einen: Rolth Lamm, den echten Lamm, Gaedrens Vater. Es wäre nach so kurzer Zeit aber auch zu leicht gewesen. Nach einigen ergebnislosen Tagen eigener Nachforschungen wurde Karja von der Turmkartenlegerin Zellara kontaktiert und mit drei weiteren möchtegern Vigilanten bekannt gemacht. Tyden, ein grobschlächtiger Shoanti der den Tod seiner Frau Rächen möchte, die gutgläubige Imke, die auf der Suche nach ihrem entführten Kind ist und Jal, einem ehemaligen Drogensüchtigen der den Tod seines besten Freundes Lamm anlastet. Von den dreien konnte sie sich noch am ehesten mit dem Barbaren anfreunde. Ihm schien zumindest klar zu sein, dass jede zukünftige Begegnung mit Rolth nur auf eine Sache hinauslaufen kann und dabei handelte es sich weder um eine glückliche Zusammenführung mit dem verlorenen Kind noch um eine Entschuldigung für vergangene Verbrechen. Zellara jedenfalls hatte ebenfalls unter dem Verbrecher gelitten und bot an den Unterschlupf des Halunken zu verraten, falls Karja und die anderen die Drecksarbeit erledigen würden und ihr gestohlenes Kartenspiel zurück brächten. Angeblich ein wertvolles Erbstück. Die Sache stank von Anfang an zum Himmel. Karja vermutete hinter Zellara eher eine Schergin Lamms, die sie in einen Hinterhalt locken sollte, nachdem dieser von ihren Nachforschungen erfahren hatte. Im Grunde war ihr das jedoch egal und sie war bereit das Risiko einzugehen, sie konnte auf sich aufpassen und würde doch auf jeden Fall bekommen was sie wollte, eine Begegnung mit Lamm und eine Chance ihn zu töteten. Am Ende bekam nur Zellara was sie wollte. Ihre Geschichte war insofern richtig, dass sie selbst ein Opfer des Verbrechers war und ihr gestohlenes Kartenspiel wieder haben wollte, allerdings war Zellara selbst schon längst Tod. Ein Geist der Sterbliche herbei lockte um ihren irdischen Fokus aus der Schatzkammer des Verbrechers zu bergen. Gänzlich vergeblich war das Unterfangen jedoch nicht gewesen, vielleicht hatten sie Rolth mit der Zerstörung eines seiner Geschäfte genügend weh getan, damit er demnächst von selbst zu ihnen kommen würde.
Der Geist wollte nicht nur seine Karten wieder haben, er hatte sich außerdem an sie geheftet, weil der Meinung war, in ihnen so eine Art Beschützer Korvosas gefunden zu haben. Karja sprang auf und streckte sich im Schein der aufgehenden Sonne. Ein Geist sollte alt genug sein um zu wissen, dass man für so etwas keine Katzen engagiert sondern besser Hunde.

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Prolog

Es scheint ein Tag wie jeder andere in Korvosa zu sein. Die Stände der Händler von Eodreds Weg, Goldmarkt und Grünmarkt sind gut gefüllt. Bauern aus dem Umland treiben ihr Vieh durch die Stadt. Dazwischen spielen zahlreiche Kinder und eilen junge Studenten der Akademie – noch voller Tatendrang am Beginn des Semesters – mit Büchern unter den Armen eilig von einer Vorlesung zur nächsten. An vielen Ecken musizieren, tanzen und lachen Grüppchen von Varisianern. In den Gasthöfen sind die Zimmer gut belegt, durch Studenten die noch keine Wohnung gefunden haben, sich sorgende – und daher mitgereiste – Eltern sowie durch zahlende Touristen. Am Hafen im Jeggare Fluss liegen Dutzende Schiffe vor Anker und die Matrosen verprassen ihren hart verdienten Sold in den zahlreichen Tavernen der Stadt. Die Soldaten der Korvosa Wachen haben ein stetes Auge auf dieses Gewühl und scheinen überall präsent zu sein. Punkt zwölf läutet die große Uhr hoch oben an der Spitze des höchsten Turmes von Burg Korvosa die Mittagszeit ein; ein Geläut, in welches wenig später die Glocken der Tempel von Shelyn und Sarenrae einstimmen. Rechtzeitig zur Wachablöse kehren einige Pferdegreifreiter der Schwarzen Kompanie von ihren Patrouillenflügen zurück und lassen dabei ihre prächtigen Reittiere voller Stolz nur knapp über den Dächern der Stadt dahin jagen.
Doch die dunklen Wolken eines schweren Sturms der über der Bucht der Eroberer aufzieht scheint die Idylle der Stadt trüben zu wollen. Dabei ist der Sturm nicht mehr als ein Spiegelbild der Gefühlslage der Bewohner der Stadt. Unsicherheit hat von ihnen Besitz ergriffen. Schon lange ist bekannt, dass es mit der Gesundheit ihres Königs, Eodred II, nicht zum besten steht, doch es mehrten sich gerade in den letzten Tagen die Gerüchte, dass er plötzlich und unerwartet schwer erkrankt sei.
Eodred war kein beliebter König. Er war bekannt für seine Liebschaften, ausufernden Feste und mangelende Führungsfähigkeiten. Aber er war immer noch der König. Und er war sicherlich ein besserer Herrscher als seine junge, arrogante Frau Ileosa, welche nach seinem Tode das Amt der Königin antreten würde. Niemand wusste, wie es unter der Herrschaft einer Frau werden würde, welche Korvosa als „dreckiges Schlammloch am Arsch der Welt“ bezeichnet hatte. Aber noch war der König ja nicht tot und es hatte noch keine offizielle Verlautbarung zu seinem Gesundheitszustand durch den Seneschall der Burg gegeben. Deswegen konnte man weiter so tun als wäre alles in Ordnung und seinen Tagesgeschäften nachgehen.
Worin auch immer diese Geschäfte bestanden…

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