Fluch des Purpurthrons

Leben und sterben lassen

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Die Luft schien von einem allgegenwärtigen, eher fühl als hörbaren Dröhnen erfüllt zu sein. Massive Obsidianpfeiler, überzogen mit Totenkopfschnitzereien stützten die Decke der unheiligen Kapelle von Narbenmauer. In den Augenhöhlen der Schädel irrlichterten kleine Funken, doch ihr dumpfer Schein konnte die uralten Schatten kaum vertreiben. Ein Schemen löste sich von einer der Säulen und glitt geräuschlos auf den Altar am Ende des Raumes zu, über den sich die bedrückende Statue eines gänzlich von Roben verhüllten Mannes erhob. Auf dem Altar lag ein unscheinbares Häuflein Asche und auf der Asche ein unscheinbarer Totenschädel, doch in den Augenhöhlen des Schädels steckten die un-unscheinbarsten Edelsteine, die Karja je gesehen hatte. Schwarz behandschuhte Finger streckten sich dem Schatz entgegen, als plötzlich von der Türe der Kapelle her ein vielstimmiges
„Nicht anfassen!“ ertönte.
Karja hielt den Zeigefinger vor den Mund, um Schweigen zu gebieten, und schaute verwirrt zurück. „Was? Den Lich anfassen?!“ Konnten sie das ernst meinen?
Mit überschnappenden Stimmen dröhnte es zurück: „Nicht anfassen! Niemals nicht den Lich anfassen!“
„Wie? Den Lich anfassen, aber niemals nicht das Licht fallen lassen?!“ Klingt sinnvoll, hier das Licht fallen zu lassen wäre ziemlich dumm, dachte sich Karja. Die Rubinaugen blitzten sie verschwörerisch an. Karja neigt den Kopf. Die Rubine zwinkerten noch einmal zurück. Wie schön! Sie streckte die Hand aus. Die Hölle brach los. Alles passierte auf einmal.
Karja erwachte am Ufer eines weiten Meeres, über das sich ein bleierner Himmel spannte. Die tiefhängende Wolkendecke drehte sich albtraumhaft langsam, wie eine riesige Spirale in der hin und wieder blaue Flammen zuckten. Direkt am Ufer, wo sich die öligen Wogen des Meeres lautlos brachen, stand ein schmuckloser Thron aus Stein auf dem eine weißhaarige Frau unbestimmbaren Alters saß. Sie hatte einen Stapel langweilig aussehender Folianten zu ihren Füßen liegen, einer lag aufgeschlagen auf ihrem Schoß, darin nahm sie gerade mit einem Federkiel Eintragungen vor. Die Szenerie atmete den schweren staubigen Geruch von Jahrtausende langer freudloser Buchhaltung. Die Frau hob nur leicht den Kopf und blickte Karja kurz über den Rand ihrer Brille an, ohne auch nur einen Moment mit dem Schreiben aufzuhören.
„KARJA,“ sagte die Weißhaarige mit einer Stimme wie ein geöffnetes Grab, „HAST DU ENDLICH EINE 1 GEWÜRFELT?“ Karja hatte mittlerweile den Schreck überwunden. Religion war zwar nie ihr Lieblingsfach gewesen, aber auch sie konnte Intuitiv erfassen, dass dies hier nicht Cayden Caileans ewige Met-Halle im Himmel war.
„Oh weise Herrin der Gräber,“ sagte sie während sie vorsichtig näher schlich, „ich glaube das hier ist ein schreckliches Missverständnis…“ Pharasma hob wenig beeindruckt eine Augenbraue. „KIND, WENN DU WÜSSTEST WIE OFT MAN DIESE WORTE IN MEINEM AMT HÖRT. ABER HEUTE IST DAS GESCHÄFT ETWAS TRÄGE. VIELLEICHT KANNST DU MICH JA ZUMINDEST ERHEITERN. ES WAR ALSO KEIN FEUERBALL?“
Karja pirschte lautlos näher zum Thron. „Ihr müsst mir glauben ich wurde gerade eben ziemlich gelinkt. Dieser Nekromant hat mich mit irgendetwas getötet, dass er „Seele fangen“ nannte, dabei wurde mir erst unlängst ein Todesschutz verkauft, von so einem dubiosen Shoanti-Schwindler, der sich selbst als Schamane bezeichnete.“ Karja setzte das Wort „Schamane“ gestikulierend in Gänsefüßchen und zwinkerte Pharasma verschwörerisch zu. „DAS IST IN DER TAT SELTSAM,“ Pharasma nahm die Brille ab und schaute Karja durchdringend an, „HM, DA IST WIRKLICH NOCH EIN TODESSCHUTZ UND…“ In diesen Moment gab es einen peitschenartigen Knall und neben Karja erschien mitten in der Luft ein schwebender Totenkopf. Der Halbleichnam Zev Ravenka hatte sich ein wenig verändert, seit Karja ihn das letzte Mal gesehen hatte. Die Augen rollten wie Murmeln in ihren leeren Höhlen, einige Zähne fehlten und über seine Stirn zog sich ein langer Bruch, wie von einer Axt geschlagen. Der schwebende Schädel hatte noch ein wenig Drehmoment und rotierte einige Sekunden um seine eigene Achse. „Das ist er, das ist der Typ!“ raunte Karja Pharasma zu. „AH, ZEV RAVENKA,“ Pharasma blätterte mit flinken Finger sehr weit in ihrem Buch zurück und fand den Eintrag mit traumwandlerischer Sicherheit, „IHR LEICHNAM-ZAUBERER MEINT WOHL ALLE, DAS IHR EUREM SCHICKSAL AUF EWIG ENTGEHEN KÖNNT.“ „Ha!“ Spuckte der Tonkopf aus und grinste Karja bösartig an, „zumindest habe ich einen von diesen Möchtegern Abenteurern mitgenommen.“ „ÜBER GENAU DIESES THEMA WOLLTE ICH GERADE MIT DIR SPRECHEN! MIR IST DA ZU OHREN GEKOMMEN, DASS DU ES MIT DEN REGELN NICHT SO GENAU NIMMST!“ Zev Ravenka blickte kurz verwirrt, wie es nur ein gänzlich fleischloser Totenkopf kann und dann dämmerte ihm etwas „Oh nein. Nein! Sie lügt wenn sie nur den Mund aufmacht! Lächerlich! Ich bin eine Kreatur mit einem verbrieften, absurd hohen Herausforderungsgrad und soll niemanden getötet haben?!“ „Da hört ihr es Pharasma!“, fiel Karja Zev ins Wort und drängte sich in das Gesichtsfeld der unbestechlichen Richterin über die Seelen der Sterblichen. „Er hat es zugegeben, er hat gerade selbst gesagt, dass er niemanden getötet hat!“ „Das…, das ist unerhört,“ der fliegende Totenschädel versuchte Karja weg zu rempeln, „das war eine rhetorische Frage, natürlich habe ich sie getötet, sonst wären wir nicht hier…“
„SCHWEIGT! BEIDE!“, donnerte Pharasma und massierte sich die Schläfen. „ZEV DU MUSST ZUGEBEN, DASS ES SICH BEI TODESEFFEKTEN IN DER REGEL UM NEKROMANTIE HANDELT, DAVOR MÜSSTE SIE EIGENTLICH GESCHÜTZT GEWESEN SEIN…“
„Das ist Verleumdung!“, giftete der fliegende Totenkopf. „Halbleichname sind mächtige MAGIER, die den Zustand des lebenden Todes anstreben, um unsterblich zu werden. MAgier sind flexibel und können alles zaubern, nur weil ich untot bin muss ich deswegen kein reiner Nekromant sein!“ Karja beute sich vor und strich Zev Ravenka maliziös grinsend über die kahle Platte. „Weißt du, die Tatsache, dass du ein fliegender, sprechender Totenkopf bist, macht die Behauptung, kein Nekromant zu sein, nicht gerade glaubwürdiger…“
Pharasma kniff missbilligend die Augen zusammen. „ZEV! DAS EINFACHSTE WÄRE, WENN DU MIR DIE STELLE ZEIGST, WO ES GESCHRIEBEN STEHT…“ Die Augen des Halbleichnams weiteten sich und er wurde kreidebleich, so wie nur ein fleischloser Totenschädel kreidebleich werden konnte. „Ihr meint doch nicht etwa … können wir nicht eher … ihr meint im REGELWERK NACHSCHLAGEN?!“ Seine Stimme war ein heiseres Flüstern voll kaum noch beherrschter Panik. Karja blickte ihn mitleidig an und begann sich sehr langsam und sehr leise rückwärts Richtung Böschung zu bewegen. Pharasma schnippte mit den Fingern und vor Zev Ravenka erschien ein wahrhaft gigantischer Stapel ausgelesener Folianten. „Oh nein, gute Herrin der Gräber, lasst uns die Angelegenheit vergessen, richtet mich einfach und ich mache mich auf den Weg in dieses große Seelenspiralen-Dingsbums und alles ist vergessen.“
„NICHTS DA, IHR HABT MEINE NEUGIERDE GEWECKT!“
„Aber, aber, das Regelwerk ist voller Querverweise, schwammig definierter Begrifflichkeiten, drolliger Übersetzungsfehler und semantischer Spitzfindigkeiten. Das dauert ewig!“
Pharasma hob nachlässig eine Augenbraue „EWIG? IHR WISST WO IHR HIER SEID…?
„Ahhhhhhhh…“
Aber das hörte Karja alles schon nicht mehr, denn sie rannte bereits den Strand hinauf zur nächsten Düne, in die generelle Richtung eines strahlenden Lichtes, das wie die untergehende Sonne aussah…

Als Karja wieder zu sich kam, hatte sich das Schicksal der Gemeinschaft von Serithial bereits entscheidend gewandelt. Als der Halbleichnam Zev Ravenka sein schauriges Haupt erhoben hatte, war Sial der Schattengraf zwischen dem strategischen Amboss seines langfristigen Zieles, die Klinge Serithial zu erlangen, und dem moralischen Hammer, die Vernichtung eines Säulenheiligen des Zon-Kuthon Kultes nicht zuzulassen, gefangen und entschied sich dem kurzfristigen Drängen nachzugeben und sich gegen die gerade neu gefundenen Gefährten zu wenden. Als er merkte, dass er gegen die Helden nicht ankahm, ging er mitsamt seiner magischen Festung stiften. Laori, seine Schwester im Geiste, konnte dem Druck ebenfalls nicht standhalten. Sie entschied sich aber dafür, im Kampf neutral zu bleiben und nicht zu fliehen. Trotzdem war dieser Vertrauensbruch genug, um sie fortan nur noch gefesselt und geknebelt mitzuschleifen – eine Idee an der Laori sogar Gefallen zu finden schien. Nicht zum ersten Mal stellte sich die Frage, wie man die Priesterschaft Zon-Kuthons eigentlich für irgendetwas bestrafen konnte.
Mit Zev Ravenka hatten die Helden bereits den zweiten Geisteranker außer Gefecht gesetzt. Der erste war der Drache Bellshalam gewesen, dessen unsichtbare Ketten Imke bannen konnte. Der Drache machte sich aus dem Staub noch bevor sich die Klerikerin fragen konnte, was sie da gerade genau auf die Welt losgelassen hatte. Auch die beiden nächsten Anker konnten im Kampf besiegt werden, Castothrane der ehemalige Hauptmann von Narbenmauer wurde auf den Zinnen der Burg gestellt und die Teufelin Nihil in ihrem Turmgemach besiegt. Besonders die Teufelin bot einen harten Kampf, denn sie verfügte nicht nur über einen mächtigen Unsichtbarkeitszauber, sondern sperrte den unglaublichen Tyden gleich zu Beginn in eine magische Gummizelle. Tatsächlich war der Sieg im Wesentlichen Laori Vaus zu verdanken, die einen Salzmephit beschwor, der seinerseits Glitzerstaub auf die Teufelin zauberte. Ob diese Tat schon reichen würde, um sie besonders in den Augen von Tyden zu rehabilitieren, der am vehementesten für ihre permanente Verbannung aus der Gruppe plädierte? Und wohin führt jener seltsame, mit blau leuchtendem Nebel gefüllte Brunnen im Keller von Narbenmauer? Karja hatte diesen zwar erforscht, aber nur bis zu einer unheimlichen Begegnung der aberranten Art mit einer Gruppe Monster, die Jal der Beschreibung nach als Gugs identifizieren konnte. Dies und mehr, wird sich demnächst nach einer langen Rast beantworten lassen.

Comments

Ich habe gerade Tränen gelacht! :D
Danke fürd dieses Tagebuch! Danke! Danke!

Leben und sterben lassen
 

Hi, hi. Immer wieder gerne!

Leben und sterben lassen
Flo

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