Fluch des Purpurthrons

Die Hölle muss warten

„Ha, ha, nimm dies böser Drache! Ha, ha, ha!“ gluckste das Mädchen mit den kastanienbraunen Zöpfen. In der einen Hand hielt sie eine Angel, an deren Ende ein hölzerner Spielzeugdrache hing, in der anderen die Puppe einer blonden Frau mit einem bunten Vogel auf der Brust und einem langen Stecken in den Händen. Sie jauchzte vor Vergnügen, während sie den Drachen herumzappeln ließ und immer wieder mit dem Stecken nach ihm stocherte. „Und noch eins! Und links! Und…“ Ihre Stimme verstummte als plötzlich, ein riesiger Schatten auf den Balkon fiel auf dem sie stand. Sofort sank sie auf die Knie und kauerte sich hinter der Brüstung zusammen, hörte jedoch kaum mit dem spielen auf und flüsterte weiter vor sich hin „Ha, nimm dies! Böser Drache…“. Über ihr ertönte ein donnerndes Brüllen wie von einem riesigen Tier, ein Schwall warmer Luft fegte über sie hinweg und der Geruch von Verbranntem lag in der Luft. Dann war der Schatten wieder weg, das Mädchen sprang auf, lehnte sich über die Brüstung und sah den echten Drachen, der gerade am Balkon vorbei gestürmt war, ein Stück weiter die Gasse hinunter stehen. Aufgeregt setzte sie ihr Spiel fort. Dem Jungen neben ihr am Geländer, der dem Gesicht nach zu urteilen vermutlich ihr Bruder war, schien nicht zum Spielen zumute. In seinen verkrampften Händen hielt er ebenfalls eine Puppe, abwechselnd blickte er fassungslos zwischen dem Spielzeug und den kleinen Gestalten, die den Drachen von allen Seiten bearbeiteten, hin und her. Seine Puppe stellte einen muskelbepackten Mann mit wilden Haaren und trotzig vorgestrecktem Kinn dar, der eine überproportionierte Axt schwang. „Das kann nicht sein“ flüsterte er zu sich selbst, „es kann nicht sein, dass alles eine Lüge ist“. Die Wirklichkeit war tatsächlich bedrückend, denn der Mann, der gegen den Drachen kämpfte, war von mittelgroßer unscheinbarer Gestalt, eher schmächtig als mächtig mit einer schweißnassen Matte aus graugesträhntem Haar und einem blaugrau schimmernden Dreitagebart. Er trug auch keine Mithralrüstung, sondern eine der verbeulten Brustplatten, mit denen sich normalerweise nur die Versager von der Stadtwache auf die Straße trauten. Fast schien der Mann mehr Angst vor der schwarzgekleideten Frau zu haben, die ihn zum wiederholten Mal anherrschte, welchen Teil vom FLANKIEREN er eigentlich nicht verstanden hatte. Das Leben war so gemein. Er blickte zu seiner Schwester herüber, Imke war tatsächlich wie in den Geschichten, aber Tyden eine einzige Enttäuschung. Seine Schwester bemerkte seinen Blick und streute Salz in die Wunde „Ha, ha, Tyden ist ein Hanswurst, ha, ha!“. „He! Sei nicht so gemein zu deinem Bruder, meine kleine Prinzessin.“ Ein Mann, dem Benehmen nach der Vater der beiden, trat auf dem Balkon und legte eine tröstliche Hand auf die Schulter des Jungen. „Manchmal Lügen die Legenden, das zu lernen ist Teil des Erwachsenwerdens.“ Der Mann gab sich Mühe väterlicher Weisheit auszustrahlen. Er kniff die Augen zusammen und blickte in die Ferne wo die Helden von Korvosa gerade den Drachen bekämpften und sprach dann mehr zu sich selbst „Obwohl jedes verdammte Wort, das sie sich über den Ausschnitt der Katzenfrau erzählen, scheint Waaahhh…!“ Der Mann konnte im letzten Moment den Kopf zur Seite drehen, als eine Schöpfkelle aus dem Wohnzimmer geflogen kam, die ihn knapp verfehlte und mit beachtlicher Wucht gegen die gegenüberliegende Hauswand schlug. „Mann! Komm sofort wieder her und hilf mir und verschone den Jungen mit diesem Schmutz!“ Aus dem Wohnzimmer erklang Trinias Stimme „Entschuldigt den Boss! Ich sage dem Boss immer, dass die Rüstung Schnallen bis ganz oben hat, aber der Boss hört nie“. Der Mann grummelte etwas vor sich hin, das wie „Verdammtes Weib, hört auch nur was sie hören will“ klang und stapfte zurück ins Zimmer. Dort war die Hölle los, auf dem Essenstisch mitten in den gerade aufgetragenen Speisen lag Sabina Merrin in der Rüstung einer Grauen Jungfer. Sie zuckte wie wild mit den Gliedern und warf Sachen um. „Was soll das, was ist mit ihr los, wer seid ihr, wo kommt ihr her?“ Rief die Frau des Hauses während sie hysterisch mit den Armen in der Luft herumfuchtelte. Vor wenigen Augenblicken hatte sie zusammen mit ihren Mann und den zwei Kindern zu Tisch gesessen, dann war plötzlich der Drache draußen im Hof aufgetaucht und kurze Zeit später hatten sich Trinia Sabor und die verwundete Anführerin der Grauen Jungfern mitten auf dem Esstisch materialisiert. So beruhigt euch doch gute Frau, rief Trinia während sie verzweifelt versuchte Sabina daran zu hindern noch mehr Speisen und Getränke vom Esstisch abzuräumen, „sie ist verwundet und steht unter Schock, Dimensionssprünge stellen den Kreislauf auf eine harte Probe, und… HALT! nicht den Krug! Oh das ist wohl Wein, aber das geht wieder raus, mit Salz oder so, also sagt man zumindest, ich habe das noch nie probiert aber das ist Bardenwissen, das Stimmt in der Regel, hin und wieder, also meistens.“ Die Eheleute klammerten sich aneinander und starrten auf das Spektakel auf ihrem Esstisch, als es plötzlich ein Geräusch gab, als ob wahlweise Papier oder das Gefüge von Raum und Zeit zerrissen wird und sich der Raum plötzlich mit einem halben Dutzend identischer gut aussehender junger Männer in großspurigen grellen Roben füllte. Zwei erschienen hinter ihnen, einer saß in einem Sessel, zwei weitere wanderten ziellos durch den Raum und stolperten dabei fast übereinander, ein letzter stand einfach an der Tür und starrte sie regungslos an. Sie hatten den ungepflegten Mann in der Stadtgardistenuniform mitgebracht, der am Ende seiner Kräfte auf dem Fußboden kniete. Dann sprach das halbe Dutzend Hexenmeister gleichzeitig, in unterschiedliche Richtungen, mit verschiedenen Gesten und je anderer Intonation, stets jedoch die gleichen Worte „Trinia, ich glaube er macht es draußen nicht mehr lange und die Mädels werden glaube ich mit dem Drachen alleine fertig. Kümmere dich um ihn.“ Mit diesen Worten verschwanden das halbe Dutzend Magier wieder und ließen Trinia mit Sabina, Grau Soldado und einer fassungslosen Familie allein. Trinia schob sich langsam Richtung Tür, sagte zu Grau gewandt „Gib am besten du auf Sabina Acht, ich werde auch draußen nach dem äh… rechten sehen“ und verschwand mit eiligen Schritten aus dem verwüsteten Wohnzimmer. Grau Soldado richtete sich ächzend auf und humpelte in Richtung Sabina, ohne dabei seine Gastgeber aus den Augen zu lassen. Das Ehepaar starte apathisch durch ihn hindurch, auf dem Balkon schlug ein Mädchen freudejauchzend auf einen Stoffdrachen ein, mit einer Puppe, die irgendwie wie Imke aussah, und mitten im Raum stand dieser seltsame Junge, der ihn aus großen traurigen Augen direkt anstarrte, so als sei er irgendwie für seinen Schmerz verantwortlich. Zum Glück schlug Sabina in diesem Moment die Augen auf und blickte direkt in die seinigen. „Bist… bist du es?“ Grau nahm allen Mut zusammen zog den Bauch ein drückte die Brust raus sagte mit tiefer Stimme „Ich äh, ähm, oh, Sabina, wenn du mit ‚du‘ mich meinst, dann bin ich es. Also wegen damals, das war ähm, also wenn du willst das ich gehe, dann kann ich auch wieder, also nur wenn ich dich störe oder ich kann auch nochmal raus gehen und wieder rein kommen oder…“ „Halte mich einfach und sprich nicht weiter“ sagte Sabina und nahm seine Hand. Graus Kopf nahm derweil die Farbe einer reifen Tomate an. Sein Blick wanderte zurück zu der Stelle, wo der Junge gestanden hatte. Er war fort und hatte nur sein Spielzeug zurück gelassen. Grau kniff seine Augen zusammen, als er die Puppe betrachtete, war das Tyden? Wo war er hier nur gelandet?

WÄHRENDDESSEN EINE WELT WEIT ENTFERNT…

Die staubigen Ebenen von Avernus streckten sich trocken verbrannt unter einem fahlblauen Himmel endlos in alle Richtungen. Wie ein böses loderndes Auge blickte eine rote Sonne mitleidslos auf das Ödland hinab. Soweit das Auge reichte gab es nur rostroten Sand, der sich zu niedrigen Dünen türmte, so dass man von Horizont zu Horizont blicken konnte, wie inmitten eines endlosen Ozeans. Die Spur eines einsamen Wanderers zog sich wie ein unstetes Band aus der Unendlichkeit kommend bis hin zu dem Ort, an dem sich der Unglückselige zum Sterben niedergelegt hatte. Es handelte sich um einen großen Mann mit wilden Haaren und einer Übergroßen Axt auf dem Rücken. Eine Gruppe Imps, kleine Teufel, die normalerweise zu feige waren größere Lebewesen anzugreifen, hüpfte aufgeregt um die sterbende Gestalt herum und schnatterte unverständliche Worte in ihrer infernalischen Sprache. Einer fasste seinen Mut, packte seinen kleinen Dreizack fester und schlich in Richtung des Kopfes des Gefallenen. Urplötzlich kam Bewegung in die Gestalt, mit einer Geschwindigkeit, von der der kleine Teufel vollkommen überrascht war, schnellten die Hände des Mannes hervor, packten ihn am Kragen, drehten ihm den Hals um und schleuderten den Körper weg. Tyden setzte sich leise fluchend auf. Die anderen Teufelchen waren nur kurz schockiert und fingen dann wieder an zu schnattern und zu lachen. „Ich habe eurem Kumpel gerade den Hals umgedreht, was genau ist daran witzig?“ Einer der mutigeren Teufel blickte Tyden belustig an „Einiges, einiges, er ist ja gar nicht tot!“ Tyden blickte dorthin, wo der verdrehte Körper des Teufelchens lag. „Sieht verdammt tot in meinen Augen aus.“ „Hihi, haha, ihr seid hier in der Hölle, hihi, haha, wir sterben hier nicht wirklich. Seine Essenz wird wieder Teil der Hölle und irgendwo spuckt sie ihn wieder aus.“ Tyden grummelte etwas Unverständliches. „Und sonst kann ich irgendetwas für euch tun?“ „Oh ja, oh ja! Sterben zum Beispiel, IHR sterbt hier wirklich und wir wären gerne anwesend, wenn es passiert. Wegen der Seele und so“ „Der Seele!“ fielen die anderen Teufelchen wie im Chor ein und schnatternden dann chaotisch weiter. „Kann ich euch irgendwie überzeugen mir zu helfen? Vielleicht kann ich euch etwas verkaufen?“ „Was denn? Was denn?“ wurde der kleine Teufel plötzlich interessiert. „Keine Ahnung, was braucht ihr? Gold? Jungfrauen?“ Der kleine Teufel rieb sich interessiert die Hände „Habt ihr denn eine Jungfrau, deren Seele ihr verkaufen könnt?“ Tyden ging vor seinem geistigen Auge die Gesichter seiner Gefährten durch, unwillkürlich blieb er bei dem vom Grau Soldado hängen. „Hm, wäre es ein Problem wenn sie hässlich ist und einen Bart hat?“ Das Teufelchen zuckte mit den Flügeln „Egal, die hübschen werden ohnehin immer nur den Erzteufeln geopfert…“ Irgendetwas an Tydens Gürtel vibrierte heftig. „Ja, ja, ich weiß…“ sagte der Barbar und tätschelte den Schwertgriff beruhigend. Er fixierte den Teufel kurz, wandte sich dann ab und stapfte weiter in die Unendlichkeit. „Ich versuche mein Glück, glaube ich, zunächst irgendwo dahinten“ und deutete vage Richtung Horizont. „Da hinten gibt es nichts außer noch mehr Sand“ rief das Teufelchen, dann zuckte er mit den Flügeln und begann in gebührendem Abstand hinterher zu hüpfen. „Wenn ihr es euch anders überlegt bin ich nie weit weg!“ Tyden ignorierte ihn und setzte weiter stur einen Fuß vor den anderen. Kurz bevor er hinter der nächsten Düne verschwand, sagte eine zittrige Stimme aus Richtung seines Waffengürtels „Tyden, ich habe Angst…“, der Barbar grunzte kurz, „Bitte lasst mich ihnen nicht in die Hände fallen. Man hört schreckliches über das Schicksal heiliger Schwerter in der Hölle…“ „Wenn du weiter jammerst werfe ich dich selbst in einen Lavasee!“ „Das würdest du nie wagen“ rief das heilige Schwert Serithial und verfiel dann in brütendes Schweigen. Es war sich dessen nicht hundertprozentig sicher …

DERWEIL WIEDER AUF GOLARION…

Der Drache taumelte nur noch von Schlag zu Schlag, seine Kraft war sichtbar verbraucht. Karjas Kettenpeitsche knallte erneut und wickelte sich diesmal um den Hals der Bestie. Geistesgegenwärtig packte sie die Waffe mit beiden Händen und zog mit dem ganzen Körper an der Kette, bis das Ungetüm schließlich sein Leben aushauchte. Vorsicht schlich sie näher und trat mit der Stiefelspitze gegen den mächtigen Reptilienkopf. Das Untier rührte sich nicht mehr. Aus der Nähe sahen die Schuppen gar nicht mehr so nachtschwarz wie gedacht aus. Sie verschluckten zwar das meiste Licht, schienen einen Teil davon aber auch zu regenbogenfarbenen Lichtreflexen zu brechen. Karja zog ihren Dolch aus dem Stiefel und begann vorsichtig eine Schuppe zu lösen und hielt sie in die Sonne um ihre Schönheit näher zu betrachten. „Trinia, sei so gut und komm her“ sprach Karja ohne ihren Blick auch nur für einen Moment von der Schuppe zu nehmen. Hinter ihr wurden rasche Schritte laut: „Was gibt es Boss?“ „Schicke bitte eine Abteilung Kätzchen hierher, mit der Anweisung, möglichst vorsichtig die Schuppen einzusammeln.“ „Schon erledigt Boss! Schuppen einsammeln….“ Trinia hatte ein Klemmbrett hervor geholt und notiert mit einem Federkiel eifrig die Anweisungen. „Und schicke bitte eine weitere Katze in die Stadt, um den besten Rüstungsmacher aufzutreiben, den dieses Loch hier zu bieten hat.“ „…Rüstungsmacher… Besten des Lochs, Klammer auf Korvosa Klammer zu…“ Trinia schaute Karja an „Irgendeinen besonderen Schnitt?“ Karja wendete den Blick von der Schuppe ab und schaute ihre Assistentin einen Moment lang mit erhobener Augenbraue an. Trinia blickte etwas verwirrt zurück, nickte dann plötzlich und tippte sich kurz mit dem Federkiel an die Schläfe, wie jemanden dem gerade aufgefallen war, dass die Antwort auf seine Frage eigentlich offensichtlich ist. „Sehr figurbetont“ notierte Trinia und lief los.

Comments

Manchmal frag ich mich, was du nimmst, um auch solch ausgefallene und lustige Ideen zu kommen…

Die Hölle muss warten
 

Wurm, sabbelndes Schwert und nun die Hölle. Tyden nimmt aber auch alles mit auf dieser Reise.

Grau Soldado kommt aber nicht gut weg. Er wird zwar nie ein Tyden sein, dass ist ganz klar aber…aber….denk doch mal dran was der arme Kerl durchgemacht hat! Da kannste doch nicht so von ihm reden, das gibt ihm doch nur den Rest!

Die Hölle muss warten
Flo

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